Der Anfang (1. Nachtfahrt)

Mit einer Nachtfahrt fängt alles an.

Das tiefe Brummen und Dröhnen eines alten geschundenen Motors. Lichtfühler, die sich starr nach vorn gerichtet mit den Bahnen und Dunstkreisen anderer vermengen und wieder loslassen. Völlige Dunkelheit existiert hier nicht. Wohin man schaut kann man mit offenen Augen keinen Frieden finden. Und gerade des Nachts, da wir sonst ob jener versprochenen Möglichkeiten bangen und hoffen, noch Neues zu entdecken, strahlt uns in manigfaltigen Farbcodes die Besetzung durch Fremdes entgegen. Mensch gemachte Lichtgeometrie die in alle Ecken und Winkel hascht. Und doch: Unmut spüren wir keinen.

Denn wir sind es, die hier und jetzt die Lichter kurz aufwirbelnd durch die Stadt treiben und nur jene nach uns können beurteilen, ob wir das Muster verändert zurücklassen. Für den Moment wollen wir uns dieser Illusion ebenso gerne hingeben wie der Erkenntnis, dass jene Geschichten die besten sind, in denen die Hauptfigur uns verzaubert. Homo ludens als Spielaufforderung an sich selbst. Und man ist schneller im Spiel als einem lieb ist. Die Umstände, die auf einen warten sind begrenzter Einflussnahme unterworfen. Wie begrenzbar werden wir zusammen ausloten und vielleicht herausfinden. Heute Nacht habe ich so ein Gefühl. Es könnte losgehen.

Ethan ist ein Mensch, der die Balance zwischen Denken und Machen gefunden zu haben scheint. Mit ihm Zeit zu verbringen wirkt wie eine Kur auf eigene Misstände dieser Art und nebenbei kann man ihm trauen. Das ist mehr als man über die meisten Leute selbst nach Jahrzehnten sagen kann und soll für den Anfang nicht durch weitere Vorzüge seines Charakters verwässert werden. Muss es auch gar nicht. Du lehnst dich zurück und lässt ihn für eine Weile fahren. Du genießt die Aussicht, den langsam warm werdenden alten Ledersitz und die richtige Musik. Der Rest ist beschafft und keines weiteren Gedanken wert. Alles ist gut.

Man entkommt der Stadt schneller als man es merkt. Erst als die Fänge der Scheinwerfer für einige Minuten das Einzige sind, was unsere Blicke hält, wird es uns bewusst. Zwei weniger. Das abstruse Konstrukt in großer Enge beeinander lebender Menschen, die neue Form der Herde.  Die Apsis des städtlichen Lichtzelts am verglimmt langsam aus dem Nachthimmel um uns. Gibt uns frei. So einfach scheint das zu sein.

Als wir langsamer werden und in einen Seitenweg einbiegen, nehmen die Dinge wieder Form an. Das gewohnte Vibrieren im Körper verliert sich langsam und ich will gerade anfangen dies zu bedauern, als wir die Feier erblicken. Eine Lichterkette verschiedenfarbiger Glühlampen hängt von der Hinterwand des hölzernen Stalls hinunter zu einem braunen Konstrukt aus verrostetem Metall und leuchtet rot, grün, blau und gelb auf die Abfahrt der Rampe. Unterhalb sitzen etwa zwanzig jüngere Leute auf herangeschafften Sofas, gepolsterten Sesseln oder der Wiese selbst, die sich vom nebenan gelegenen Schuppen zur Hinterseite des alten Bauernhofes zieht. Alles liegt in trübem buntem Licht. Wir halten in auf der anderen Seite des Platzes in völliger Dunkelheit und in jenem Augenblick, da wir die Türen öffnen, empfängt uns die Musik. Jeder Schritt in Richtung Wiese wird leichter, jedes Knirschen meiner Sohlen auf dem Kies leiser bis das erste Grasstück den Rest schluckt und wir angekommen sind.

Friedhof des Lebens steht auf einem kleinen mit sauberen grünen Pinselstrichen gestrichenen Schild, das schief in der Wiese liegt. Flaschen leuchtem im Schein der Kerzen von den Tischen auf die zufriedenen Gesichter der Anwesenden und nur einzelne Fetzen der Gespräche flackern hin und wieder durch das verhallte Lied aus den Boxen.


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